4. August 2026
Sarah Winkler
Haltung gestalten
Gestaltung beginnt für mich nicht mit einer Farbe, einer Schrift oder einem Logo. Sie beginnt viel früher – mit einer Haltung.
Mit der Entscheidung, einem Thema aufmerksam zuzuhören. Nicht vorschnell zu gestalten, sondern erst zu verstehen. Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu erkennen und unterschiedliche Perspektiven nebeneinander stehen zu lassen. Und daraus eine Haltung zum Thema zu entwickeln.
Schon Dieter Rams verstand Design nicht als Stil, sondern als Haltung. Auch das Aufräumen hat für ihn eine besondere Relevanz. Ein Gedanke, der mir gefällt: reduzieren, ordnen, Wesentliches sichtbar machen. Denn Gestaltung ist nie ganz neutral. Sie hebt etwas hervor, lässt anderes zurücktreten und lenkt unseren Blick. Jede gestalterische Entscheidung erzählt auch davon, was wir für wichtig halten.
Einen sehr heutigen Gedanken dazu habe ich bei der Social Designerin Marie Kurstjens gefunden. Sie beschreibt ihre Rolle als Designerin mit drei Begriffen: Beobachterin, Übersetzerin und Macherin. In ihren Projekten beschäftigt sie sich mit gesellschaftlichen Fragestellungen und entwickelt Gestaltung im Austausch mit den Menschen, um die es geht.
Mich interessiert besonders das Übersetzen. Denn, bevor etwas gestaltet werden kann, muss etwas verstanden werden. Unterschiedliche Menschen betrachten dasselbe Thema aus unterschiedlichen Richtungen. Sie bringen Erfahrungen, Wissen, Wünsche und manchmal auch Widersprüche mit. Gestaltung kann diese Perspektiven aufnehmen, sortieren und in eine Form übersetzen, in der Zusammenhänge sichtbar werden.
Vielleicht bedeutet Haltung deshalb auch, die eigene Perspektive nicht für die einzig mögliche zu halten.
Genau darin liegt für uns ein wesentlicher Teil von Gestaltung. Wir hören zu, fragen nach, sortieren und betrachten ein Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Im Austausch mit unseren Auftraggeber:innen und miteinander entsteht nach und nach ein gemeinsames Verständnis – und daraus eine visuelle Form.
Dabei suchen wir nicht nach Gestaltung um der Gestaltung willen. Uns interessiert, was verständlicher werden soll. Was sichtbar werden muss. Und oft auch, was weggelassen werden kann, ohne das Thema zu verzehren.


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