6. Januar 2026
Sarah Winkler
Perspektive wechseln
Im Buch A to Z von Takenobu Igarashi wird der Buchstabe zur Skulptur. Ein funktionales Zeichen, das wir lesen, schreiben, kombinieren – etwas, das jeder kennt und kaum hinterfragt. Das Alphabet, Grundlage unserer Kommunikation und zweidimensional. Doch bei Igarashi wird es zum Raum. Zum Objekt. Er zerlegt, dreht und setzt neu zusammen. Aus etwas eindeutig Zweidimensionalem entsteht etwas Dreidimensionales – ohne seine Funktion zu verlieren.
Die Grenze, die verbindet
Ein ähnliches Phänomen zeigt sich in den Skyspaces von James Turrell. Seine Räume öffnen sich nach oben, lassen den Himmel durch eine präzise gesetzte Öffnung in der Decke zum Teil der Architektur werden. Innen und Außen, Licht und Farbe, Fläche und Tiefe verschmelzen zu einem neuen Ganzen. Die Grenze zwischen Wand und Himmel, Farbe und Raum, macht das Erleben erst möglich.
In der Gestaltung funktioniert es ähnlich: Weißräume, Typografie, Farben definieren die visusell Gestaltung. Eine Farbe leuchtet nur im Verhältnis zu einer anderen. Eine Form gewinnt Bedeutung erst durch ihr Umfeld. Für uns sind Grenzen keine Begrenzung. Sie sind Bedingung. Erst durch sie entsteht ein Zusammenhang.
Denken mit Perspektive
Auch im Denken können wir das nutzen, wenn wir Grenzen nicht als Stopp, sondern als Übergang begreifen. Der britische Denker Edward de Bono beschreibt mit seinem lateral thinking eine Methode, die Perspektiven bewusst verschiebt, um neue Ideen zu ermöglichen. Anstatt in bekannten Bahnen zu denken, schlägt er vor, das Problem seitlich zu betrachten, es zu kippen, zu drehen – wie Igarashi seine Buchstaben. So entstehen neue Sichtweisen. Neue Möglichkeiten.
Raum zum Denken
Vielleicht geht es in Gestaltung – wie im Denken – darum, Grenzen zu erkennen, sie zu nutzen und über sie hinaus das Ganze zu betrachten. Wenn sich etwas von etwas abgrenzt, gehören sie zusammen. Erst im Verhältnis entsteht Bedeutung.
Grenzen schaffen Raum, im Visuellen wie im Geistigen.


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